Veranstaltung: | BUFAK WiWi Bayreuth |
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Tagesordnungspunkt: | 5. Neue Positionspapiere |
Antragsteller*in: | Leon Darley, Jan Enders (TU Dortmund) |
Status: | Modifiziert |
Eingereicht: | 07.05.2025, 20:43 |
A11: Lernräume an Hochschulen – Voraussetzung für selbstbestimmtes Lernen in der digitalen Hochschullandschaft
Antragstext
An deutschen Hochschulen besteht ein eklatanter Mangel an qualitativ
hochwertigen und ausreichend dimensionierten Lernräumen, während die
Studierendenzahlen kontinuierlich steigen und eigenständiges Lernen einen immer
größeren Teil des Studiums ausmacht. Die BuFaK WiWi fordert daher Hochschulen
und bildungspolitische Entscheidungsträger*innen auf, Lernräume als strategische
Ressource zu betrachten und diese bedarfsgerecht auszubauen, qualitativ
aufzuwerten sowie rund um die Uhr zugänglich zu machen. Nur so können
Hochschulen ihrer Kernaufgabe gerecht werden, optimale Rahmenbedingungen für
selbstbestimmtes Lernen zu schaffen.
Aktuelle Situation
Die Zahl der Studierenden an deutschen Hochschulen steigt seit Jahren
kontinuierlich an – laut Statista waren im Wintersemester 2023/2024 über 2,9
Millionen Studierende immatrikuliert [1]. Parallel dazu vollzieht sich ein
grundlegender Wandel im Studienwesen: Das eigenständige und eigenverantwortliche
Erarbeiten, Vertiefen und Wiederholen von Inhalten nimmt eine zentrale Rolle ein
und ist längst zur Schlüsselkompetenz im akademischen Kontext geworden.
Präsenzveranstaltungen wie Vorlesungen und Seminare bilden dabei nur einen Teil
des Studiums.
Diese Entwicklung wird verstärkt durch die zunehmende Digitalisierung der
Hochschullandschaft. Laut aktueller Erhebungen geben 76% der deutschen
Hochschulen an, dass die Digitalisierung der Lehre eine hohe oder sehr hohe
strategische Bedeutung für ihre Einrichtung hat [2]. Dies führt zu einer
Umstrukturierung der Lernprozesse und erfordert flexible, digital ausgestattete
Arbeitsplätze für Studierende.
Dennoch nimmt die Fläche für Lernräume an vielen Hochschulen nur einen geringen
Teil der gesamten Infrastruktur ein – eine Diskrepanz, die der heutigen
Studienrealität nicht gerecht wird. Während Hörsäle und Seminarräume oftmals nur
während der Vorlesungszeiten genutzt werden, fehlt es an permanenten und
ausreichend ausgestatteten Lernflächen, die Studierenden kontinuierlich zur
Verfügung stehen.
Die mangelnde strategische Betrachtung von Lernräumen im Hochschulkontext führt
dazu, dass viele Studierende nicht unter optimalen Bedingungen lernen können.
Insbesondere in Prüfungsphasen sind verfügbare Lernplätze an vielen Hochschulen
überlastet, was zu erhöhtem Stress und verminderter Lernqualität führt. Diese
Situation wird durch begrenzte Öffnungszeiten bestehender Lernräume wie
Bibliotheken noch verschärft, die oft nicht dem tatsächlichen Lernbedarf
entsprechen.
Hauptforderungen der BuFaK WiWi
Lernräume sind keine Ergänzung, sondern ein zentraler Bestandteil einer
funktionierenden Hochschulbildung. Sie ermöglichen eigenständiges,
kollaboratives und flexibles Lernen und tragen wesentlich zum Studienerfolg bei.
Die BuFaK WiWi erkennt selbstständiges Lernen als elementaren Bestandteil des
Studiums an und fordert daher:
- Zugänglichkeit rund um die Uhr
- Lernräume müssen unabhängig von allgemeinen Öffnungszeiten
zugänglich sein – auch an Wochenenden und Feiertagen. - Schließzeiten dürfen nicht länger die Nutzung einschränken, da
Lernprozesse nicht an Verwaltungszeiten gebunden sind.
- Lernräume müssen unabhängig von allgemeinen Öffnungszeiten
- Bedarfsgerechte Dimensionierung
- Die Zahl der Lernplätze muss sich an der Zahl der Studierenden
orientieren – Ziel ist eine Abdeckung von mindestens 70% der
Studierendenzahl durch permanent verfügbare Lernplätze. - Nicht-permanente Flächen wie Mensen, Cafeterien oder Pausenbereiche
dürfen nicht in die offizielle Kapazitätsberechnung einfließen.
- Die Zahl der Lernplätze muss sich an der Zahl der Studierenden
- Flexible Nutzung temporärer Lernorte
- In hochfrequentierten Phasen – insbesondere in Prüfungszeiträumen –
sollen nicht-permanente Flächen systematisch auf ihre Eignung als
temporäre Lernorte geprüft und optimiert werden.
- In hochfrequentierten Phasen – insbesondere in Prüfungszeiträumen –
- Qualitative Mindeststandards
- Stromversorgung, bestmöglich an jedem Platz (ausreichend Steckdosen)
- Stabiles und flächendeckendes Internet
- Flexibilität: Räume sollen sowohl für Gruppen- als auch für
Einzelarbeit nutzbar sein (z.B. durch mobile Möbel) - Didaktische Ausstattung: Die Bereitstellung von Whiteboards, Tafeln
oder anderen Visualisierungshilfen ist notwendig für effektives
kollaboratives Arbeiten
- Standorte mit Ruhequalität
- Lernräume müssen lärmarchitektonisch so platziert und gestaltet
sein, dass konzentriertes Arbeiten möglich ist. - Eine räumliche Trennung zu stark frequentierten Flächen (z.B.
Kantinen, Veranstaltungsbereiche) ist sicherzustellen.
- Lernräume müssen lärmarchitektonisch so platziert und gestaltet
- Nutzung von Verkehrsflächen
- Verkehrs- und Übergangsflächen (z.B. Flure, offene Zwischenbereiche)
sollen durch die Bereitstellung von Snack- und Kaffeeautomaten sowie
kostenfreien Wasserspendern aufgewertet und als ergänzende,
niedrigschwellige Aufenthaltsräume erschlossen werden.
- Verkehrs- und Übergangsflächen (z.B. Flure, offene Zwischenbereiche)
- Verlässlichkeit bei Wegfall
- Bei temporärem Wegfall bestehender Lernflächen durch Umbauten oder
Renovierungen ist zeitnah ein gleichwertiger Ersatz zu schaffen –
sowohl in Quantität (Platzanzahl) als auch in Qualität (Ausstattung,
Lage).
- Bei temporärem Wegfall bestehender Lernflächen durch Umbauten oder
Das Ziel dieser Forderungen ist es, bis zum Jahr 2030 an allen deutschen
Hochschulen eine Lernraumkapazität von mindestens 70% der Studierendenzahl zu
erreichen und dabei die qualitativen Mindeststandards zu erfüllen. Der Erfolg
sollte durch regelmäßige Erhebungen zur Lernraumauslastung und
Studierendenzufriedenheit gemessen werden.
Weitere Informationen
Auch die COVID-19-Pandemie hat die Bedeutung flexibler und digital
ausgestatteter Lernräume weiter verstärkt. Während der Pandemie wurden an vielen
Hochschulen ad-hoc Lösungen implementiert, die nun in nachhaltige Konzepte
überführt werden müssen. Die Erfahrungen haben gezeigt, dass hybride Lernformen,
die sowohl digitale als auch physische Räume einbeziehen, die Zukunft des
akademischen Lernens prägen werden.
Die Gestaltung und Ausstattung von Lernräumen darf kein Randthema im
Hochschulbau sein, sondern muss im Zentrum einer zukunftsfähigen Bildungspolitik
stehen. Die BuFaK WiWi fordert Hochschulen und zuständige
Entscheidungsträger*innen auf, Lernräume als strategische Ressource zu begreifen
und Studierenden das selbstständige Lernen unter bestmöglichen Bedingungen zu
ermöglichen. Nur so kann sichergestellt werden, dass Studierende unter fairen,
modernen und produktiven Bedingungen lernen und ihre Kompetenzen entfalten
können.
Quellen
[1] Statista (2024): Anzahl der Studierenden an Hochschulen in Deutschland in
den Wintersemestern von 2002/2003 bis 2023/2024.
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/221/umfrage/anzahl-der-studenten-
an-deutschen-hochschulen/
[2] Statista (2023): Umfrage zur Bedeutung der Digitalisierung von Lehre und
Verwaltung an Hochschulen in Deutschland.
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1456676/umfrage/digitalisierung-
an-hochschulen-umfrage/
Begründung
Trotz steigender Studierendenzahlen und der wachsenden Bedeutung selbstständigen Lernens herrscht an deutschen Hochschulen ein gravierender Mangel an geeigneten Lernräumen. Dies beeinträchtigt Studienerfolg und Chancengleichheit erheblich. Das Positionspapier formuliert konkrete Forderungen, um Lernräume von einem vernachlässigten Randthema zu einer strategischen Infrastrukturpriorität zu erheben und damit die notwendigen Rahmenbedingungen für erfolgreiches Studieren im digitalen Zeitalter zu schaffen.
Kommentare
Patrick Siekmeier (Uni Hamburg - Rat):
Dazu kommt, dass einzelne Forderungen sich fast schon widersprechen (Standorte mit Ruhequalität vs. Nutzung Verkehrsflächen). Hier vielleicht eher zusammenfassen und z.B. von "Flächen mit unterschiedlichen Anforderungen" (Trennung Ruhearbeit, Verkehrsflächen) oder so etwas reden? -> Hauptproblem aus meiner Sicht weiterhin das es einfach VIELE Forderungen sind.